Dr. Medicus Historicus: Die Spanische Grippe

Die Coronapandemie ist für die meisten Menschen die erste Pandemie, die sie selbst ­hautnah miterleben, doch es ist nicht die erste der Weltgeschichte. Pandemien und weit verbreitete Krankheiten, an denen Millionen von Menschen erkrankten und auch sehr viele verstarben, tauchten in den letzten Jahrhunderten regelmäßig auf. Durch den medizinischen Fortschritt wie Impfungen, die Entwicklung von Antibiotika und vieles mehr konnte den meisten dieser Erkrankungen der Schrecken genommen werden. Einige sind komplett von der Bildfläche verschwunden, andere kommen nur noch in weit geringerem Ausmaß vor und lassen sich heutzutage gut behandeln. Im Jahr 2022 möchten wir Ihnen in jeder Ausgabe eine Erkrankung vorstellen, die in den letzten Jahrhunderten zahlreiche Menschenleben forderte und die Medizinerinnen und Mediziner vor gewaltige Herausforderungen stellte. Unser fiktiver Mediziner Dr. Medicus Historicus nimmt Sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit und beleuchtet wichtige Ereignisse der Medizingeschichte.

Die Spanische Grippe

Unter dem Namen „Spanische Grippe“ breitete sich vor etwas mehr als 100 Jahren eine Pandemie über die Welt aus, die bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte. Wenngleich der Name auf einen Ursprung in Spanien hindeutet, hat die Pandemie wohl in den USA ihren Anfang genommen.
Wir schreiben das Jahr 1918. Der Erste Weltkrieg ist noch im Gange, viele Städte liegen in Schutt und Asche. Doch damit nicht genug. Neben den Feinden und Kriegswirren kommt eine weitere Plage auf die Menschen zu: ein Virus. Im Laufe der Zeit wird diese Pandemie den Namen „Spanische Grippe“ (med. Influenza-A-Virus H1N1) erhalten. Die erste Person, die nachweislich mit diesem neuartigen Virus in Kontakt kam, wurde allerdings in Amerika identifiziert. Ein gewisser Albert Gitchell, seines Zeichens Koch auf dem Armeestützpunkt Fort Riley in Kansas. Das Virus dürfte übrigens von Vögeln oder Hühnern auf Schweine und später auf den Koch übergesprungen sein, der das Virus über den ganzen Stützpunkt verbreitete. Von da an war das Virus nicht mehr aufzuhalten …

In Kasernen und Kriegsgefangenenlagern verbreitete sich das Virus rasend schnell und forderte zahlreiche Opfer.

Die Spanische Grippe im Zeitraffer

Todesstatistik Kurve Spanische Grippe. Wellen der Spanischen Grippe. Todeszahlen in Amerika und Europa zwischen 1918 und 1919
In mehreren Wellen schwappte die Spanische Grippe über die Welt.

Die erste Welle der Pandemie breitete sich im Frühjahr 1918 über Truppenbewegungen von Nordamerika nach Europa aus. Innerhalb kürzester Zeit überzog das Virus den Kontinent und fesselte Millionen, insbesondere Soldaten, an die (Feld-)Betten. Viele der Betroffenen litten unter Schüttelfrost und Fieber, jedoch hielt sich die Zahl der Toten anfangs in Grenzen und die Pandemie flaute rasch ab. Die zweite Welle, die im Herbst 1918 ihren Anlauf nahm, zeigte sich hingegen erbarmungslos. Millionen von Menschen starben in den Schützengräben, in den Krankenhäusern, in eilig aufgebauten Notunterkünften und teilweise einfach auf den Straßen. Hilflos mussten die Menschen mitansehen, wie geliebte Familienmitglieder, Freunde und Bekannte unter Qualen verstarben. Die dritte Welle im Jahr 1919 verlief wiederum etwas glimpflicher, forderte aber dennoch zahlreiche Menschenleben. Auffällig ist, dass viele Todesopfer noch keine 40 Jahre alt waren.

Blaue Lippen, fahle Haut, Husten und Tod

Nicht nur die schier unglaubliche Anzahl an Erkrankten stellte für das Gesundheitspersonal zur damaligen Zeit eine große Herausforderung dar. Hinzu kam, dass sich der Gesundheitszustand der Patienten oftmals innerhalb kürzester Zeit massiv verschlechterte. Zwischen ersten Symptomen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, blauen Lippen, einer fahlen Haut sowie Husten und dem Tod lagen oftmals lediglich ein paar Stunden. Erst im Laufe der Zeit erkannten die Medizinerinnen und Mediziner, dass die Todesursache zumeist nicht die Grippe per se war, sondern eine sie begleitende bakterielle Lungenentzündung. Wirksame Antibiotika wurden erst Ende der 1920er-Jahren erforscht, und eine effiziente Impfung lag damals noch in weiter Ferne. Dennoch wurde alles Menschenmögliche unternommen, um die Pandemie irgendwie einzudämmen. Ohne den aufopferungsvollen Kampf der Ärztinnen und Ärzte sowie des kompletten Gesundheitspersonals wären die Opferzahlen noch weitaus höher gewesen.

Jeffrey Taubenberger und Ann Reid im Labor. Die Spanische Grippe
Im Jahr 2005 gelang es einem US-Forscherteam um Jeffery Taubenberger, das tödliche H1N1-Grippe­virus wiederzubeleben und Mäuse damit zu infizieren.

Die Spanische Grippe verschwand so schnell, wie sie gekommen war

Als eine der ersten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wurden, ähnlich wie in den vergangenen Jahren, all jene Orte geschlossen, an denen viele Menschen zusammentrafen. Die Hygienemaßnahmen wurden erhöht und öffentliche Bereiche verstärkt desinfiziert. Quarantänemaßnahmen und das Tragen von Masken gehörten, genau wie heute, vor über 100 Jahren ebenfalls zum Stadtbild dazu. Eine Kombination aus allen diesen Maßnahmen, einer erhöhten Immunität und einem Abschwächen des Virus war schlussendlich dafür verantwortlich, dass sich die Pandemie immer weiter zurückzog und dass es in den folgenden Monaten und Jahren nur noch zu vereinzelten Ausbrüchen kam. Nach den harten Kriegsjahren und der Spanischen Grippe kam schnell die Lebensfreude zurück (Stichwort: „die goldenen Zwanziger“). Hoffentlich erleben auch wir in den kommenden Monaten eine ähnliche Entwicklung.

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