Die Bergfräulein vom Hochschwab

Sagen aus Österreich: Teil 6 Steiermark – Die Sage hat ihren Ursprung am Hochschwab

Auf einer Alm auf dem Hochschwab hütete einstmals ein Schafhirt seine Herde. Es waren sieben junge Lämmer dabei, die waren besonders hübsch und wohl­geraten. Der Himmel war blau und der Wind bewegte das Weidegras, dass es flimmerte, als wäre irgendwas Besonderes in der Luft.
Da standen auch schon drei kleine Bergfräulein vor dem Hirten, und eine sagte: „Gib uns eins von deinen Lämmern. Wir wollen es braten und essen.“
Der Hirt hatte noch nie ein Bergfräulein gesehen, aber er wusste sehr wohl, dass auf dem Hochschwab welche hausten. Die Bergfräulein waren viel kleiner und zarter als die Wildfräulein, die auch dort wohnten. Die Bergfräulein waren nicht viel größer als Blumen und konnten sich auch in solche verwandeln, wenn sie nicht gesehen werden wollten.
„Hast du nicht gehört, worum wir dich gebeten haben?“, fragte das zweite kleine Fräulein den Hirten.
„Gib uns endlich ein Lämmchen!“, sagte das
dritte Bergfräulein. „Nur eins! Wir haben Hunger.“
Der Hirt schüttelte den Kopf, als wollte er einen Traum abtun, aber die drei standen immer noch da. „Ihr kriegt kein Lämmlein von mir“, sagte er. „Ich darf euch gar keines geben. Es sind ja nicht meine Schafe!“
Bergfräulein konnten aber zaubern. „Bitte, gib uns eins. Du wirst nachher nicht weniger Lämmer haben“, sagte das erste Fräulein. „Nur eins!“, sagte das zweite kleine Fräulein.
„Bitte!“, sagte das dritte Bergfräulein. „Wir haben so große Lust auf ein Stück Lammbraten!“
Dem Schafhirten schien es auf einmal ganz unmög­lich, ihre Bitte abzuschlagen, und er gab ihnen eins von seinen sieben Lämmern. Die drei Bergfräulein nahmen das Lamm und schlach­teten es, salzten es, taten Salbei und Rosmarin dazu und brieten es. Der Hirt musste ihnen die ganze Zeit dabei zusehen und konnte sich nicht vom Fleck rühren.
Als das Lamm gebraten war, luden die drei Bergfräulein den Hirten ein, mitzuessen. Sie breiteten das Fell des Lamms auf der Wiese aus und sagten: „Lass es dir schmecken, Hirt! Aber die Knochen und Knöchlein musst du hübsch auf das Fell hinlegen und darfst sie nicht fortwerfen, wenn du sie abgenagt hast. Und gib Acht, dass du kein Knöchlein zerbeißt!“
Dann aßen sie alle vier das Lamm auf und legten sorg­sam die Knochen und Knöchlein auf das Lammfell. Einmal aber geschah es doch, dass der Hirt beim Abnagen ein Fußknöchlein verletzte. Als die Mahlzeit beendet war, rollten die drei Bergfräulein das Lammfell mit den Knochen und Knöchlein darin zusammen, ließen es liegen und ver­schwanden im Gras. Da hat das Lammfell mit den Knochen und Knöchlein sich sogleich wieder in ein Lämmlein verwandelt.
Freilich, an dem Fuß, an dem der Hirt beim Abnagen ein Knöchlein verletzt hatte, hinkte das Lämmlein, aber es sprang doch fröhlich zurück zu seiner Herde.


„Die Bergfräulein vom Hochschwab“ ist eine Sage aus dem Buch „Sagen aus der Steiermark“
von Friedl Hofbauer, 88 Seiten, G&G Verlag; ISBN-978-3-7074-2270-2

Cover des Buches Sagen aus der Steiermark von Friedl Hofbauer.


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