Die Geschichte der Nobelpreisträger (Folge 4)

Folge 4: Tu Youyou – der Nobelpreis aus der alten Kräuterapotheke

Bei Nobelpreisen in der Medizin denkt man meist an sterile Labore, teure Geräte und bahnbrechende Entdeckungen. Tu Youyou, Chinas erste Nobelpreisträgerin in diesem Bereich, widerlegt dieses Klischee. Ihr Verdienst beruht auf alten Heilkräutern und jahrhundertealtem Wissen, das sie in die moderne Medizin überführte. Tu Youyou wurde 1930 in Ningbo, China, geboren und wuchs in einer Zeit großer politischer und gesellschaftlicher Umbrüche auf. Nach ihrem Pharmaziestudium engagierte sie sich in den 1960er-Jahren in einem streng geheimen chinesischen Forschungsprogramm zur Bekämpfung der Malaria, einer Krankheit, die damals Millionen Menschenleben kostete. Westliche Medikamente waren teuer, schwer verfügbar oder wirkungslos. Die chinesische Regierung setzte deshalb auf einen unkonventionellen Ansatz und suchte in traditionellen Kräuterrezepten nach Lösungen.

Einjähriger Beifuß als „Entdeckung“, die zum Nobelpreisgewinn führte

Tu Youyou begann, historische medizinische Texte, darunter alte chinesische Manuskripte, in denen Malariabehandlungen beschrieben wurden, zu durchforsten. So stieß sie auf Artemisia annua, auch bekannt als Einjähriger Beifuß, der seit Jahrhunderten bei Fieber eingesetzt wird. Doch es reichte nicht aus, diese Pflanze einfach zu verabreichen. Ihre Inhaltsstoffe waren instabil und verloren bei herkömmlichen Extraktionsmethoden ihre Wirksamkeit. Geduldig experimentierte Tu, modifizierte alte Rezepte und entwickelte schließlich ein Verfahren, das den Wirkstoff Artemisinin stabil und wirksam machte. Artemisinin revolutionierte die Malaria-Behandlung und wird heute weltweit eingesetzt. Doch die Entdeckung blieb zunächst ein streng gehütetes Geheimnis: Die Arbeit von Tu Youyou wurde zwar in China veröffentlicht, international jedoch kaum wahrgenommen. Erst Jahrzehnte später, im Jahr 2015, erhielt sie für ihre Leistungen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

War der Nobelpreis gerechtfertigt?

Der Nobelpreis für Tu Youyou aus dem Jahr 2015 ist durchaus umstritten, denn die Entdeckung des Malariamittels Artemisinin ging nicht auf die Arbeit einer einzelnen Forscherin zurück, sondern war das Ergebnis des großen chinesischen Forschungsprogramms „Project 523“, an dem zahlreiche Wissenschaftler beteiligt waren. Einige Forscher fühlten sich deshalb übergangen. Nach den Regeln der Nobelstiftung können allerdings höchstens drei Personen in einer Kategorie ausgezeichnet werden, wodurch große Teamleistungen oft nur teilweise gewürdigt werden.

Jedenfalls zeigt diese Nobelpreisträgerin, dass wissenschaftliche Durchbrüche nicht immer aus modernen Forschungslaboren kommen, sondern manchmal auch aus einer sorgfältigen Beobachtung der Natur, historischem Wissen und unermüdlicher Geduld resultieren. Sie verbindet traditionelle Kräutermedizin mit moderner Pharmakologie.

 

 

 

Geboren: 30. Dezember 1930 in Ningbo, China

2015 wurde ihr gemeinsam mit William C. Campbell und Satoshi Ōmura der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zugesprochen, den sie am 10. Dezember 2015 erhielt. Als Begründung werden ihre Forschungen in der Malaria-Therapie angeführt.

 

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