Nobelpreis für Physiologie oder Medizin (Folge 9)

Magengeschwüre zählen weltweit zu den häufigsten medizinischen Beschwerden. Doch die Gründe für das Zwicken und Rumoren im Magenbereich blieben lange im Verborgenen. Viele Ärztinnen und Ärzte vermuteten, dass Stress, bestimmte Lebensmittel oder eine übermäßige Magensäureproduktion dafür verantwortlich seien. An Bakterien dachte kaum jemand, denn da im Magen eine extrem saure Umgebung herrscht, glaubte man lange Zeit, dass Bakterien dort nicht überleben können. Die Entdeckung von Barry Marshall und Robin Warren sollte diese Vorstellung allerdings grundlegend verändern.

Folge 9: Barry Marshall und Robin Warren entdeckten das Bakterium, das Magengeschwüre verursacht

In den frühen 1980er-Jahren arbeitete der australische Arzt Barry Marshall im Royal Perth Hospital, wo er den Pathologen Robin Warren kennenlernte. Dieser hatte bei der Untersuchung von Gewebeproben von Patientinnen und Patienten mit Magenerkrankungen immer wieder ungewöhnliche, spiralförmige Bakterien entdeckt. Er vermutete, dass die Bakterien mit den Entzündungen im Magen in Verbindung stehen könnten. Seine Idee widersprach jedoch der damaligen medizinischen Vorstellung, denn der Magen galt aufgrund seiner starken Magensäure lange Zeit als ein Ort, an dem Bakterien nicht dauerhaft überleben konnten. Marshall begann nun gemeinsam mit Warren, die Bakterien genauer zu untersuchen. Dabei stellten die beiden fest, dass Patientinnen und Patienten mit einer bestimmten Form der Magenschleimhautentzündung besonders häufig mit diesem Bakterium infiziert waren, das später als „Helicobacter pylori“ bezeichnet wurde.

Ein außergewöhnliches Selbstexperiment

Nun mussten die beiden Wissenschaftler noch die medizinische Fachwelt davon überzeugen, dass ein Bakterium tatsächlich eine mögliche Ursache für Magenerkrankungen sein konnte. Marshall ging dafür einen ungewöhnlichen Schritt: Um seine Vermutung zu überprüfen, trank er eine Flüssigkeit, die das Bakterium Helicobacter pylori enthielt. Kurz darauf entwickelte er Beschwerden sowie eine Entzündung der Magenschleimhaut. Spätere Untersuchungen zeigten, dass er tatsächlich mit dem Bakterium infiziert war. Dieses Experiment war zwar kein alleiniger Beweis dafür, dass Helicobacter pylori Magengeschwüre verursacht, doch es lieferte wichtige Hinweise. Gemeinsam mit weiteren Untersuchungen konnten Marshall und Warren schließlich zeigen, dass das Bakterium eng mit Entzündungen und Erkrankungen des Magens verbunden ist. Damit stellten sie eine seit Jahrzehnten verbreitete Vorstellung infrage: Magengeschwüre waren nicht einfach eine Folge von Stress oder zu viel Magensäure. Bei vielen Patientinnen und Patienten spielte eine Infektion mit Helicobacter pylori eine entscheidende Rolle.

Eine völlig neue Behandlung

Diese Entdeckung hatte enorme Folgen für die Medizin. Wenn Bakterien an der Entstehung einer Erkrankung beteiligt sind, kann man versuchen, die Infektion gezielt zu bekämpfen. Anstatt Magengeschwüre lediglich mit Medikamenten zu behandeln, die die Magensäure reduzieren, konnten Ärztinnen und Ärzte nun die Ursache der Erkrankung bekämpfen. Eine Kombination aus Antibiotika und säurehemmenden Medikamenten kann eine Helicobacter-pylori-Infektion beseitigen und so verhindern, dass Magengeschwüre immer wieder auftreten. Die Entdeckung veränderte somit die Behandlung dieser weit verbreiteten Erkrankung grundlegend. Zudem wurde deutlich, dass Infektionen eine wichtige Rolle bei Erkrankungen spielen können, die man zuvor nicht mit Bakterien in Verbindung gebracht hatte.

Der Nobelpreis und eine australische Bar

Für die Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori und dessen Rolle bei Gastritis und Magengeschwüren wurde Barry Marshall und Robin Warren im Jahr 2005 der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen. Als sie die Siegesnachricht aus Stockholm erhielten, befanden sich die beiden übrigens gerade gemeinsam in einer Bar und konnten somit direkt auf den Erfolg anstoßen. Heute gehören die Untersuchung und die Behandlung einer Helicobacter-pylori-Infektion zur modernen Medizin. Die Entdeckung von Marshall und Warren veränderte somit nicht nur die medizinische Lehrmeinung, sondern beeinflusste auch die Behandlung zahlreicher Menschen mit Magenproblemen grundlegend.

 

Steckbriefe:

Barry Marshall

Geboren: 1951 in Kalgoorlie, Australien

Beruf: Arzt und Mikrobiologe

Auszeichnung: Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2005 gemeinsam mit Robin Warren

 

Robin Warren

Geboren: 1937 in Adelaide, Australien

Beruf: Pathologe

Auszeichnung: Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2005 gemeinsam mit Barry Marshall

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