Physiotherapie einfach erklärt

Bereits Hippokrates setzte in der Antike auf gezielte Bewegung und Berührung zur Heilung von Beschwerden. Im 19. Jahrhundert wurde daraus die Krankengymnastik. Heute spricht man von „Physiotherapie“ und bezeichnet damit eine Therapieform, die nicht nur behandelt, sondern auch vorbeugt. Der Begriff stammt aus dem Griechischen: phýsis steht für Natur, therapeía für Pflege und Behandlung. Gemeint ist die Arbeit mit natürlichen Mitteln wie Bewegung und Berührung, heutzutage ergänzt durch moderne technische Hilfsmittel. Wie moderne Physiotherapie konkret aussieht, erklärt uns die diplomierte Physiotherapeutin Anna-Maria Wiedl.

Hallo, Frau Wiedl!

Mit welchen Beschwerden kommen Patientinnen und Patienten am häufigsten zu Ihnen?
Patientinnen und Patienten kommen mit sehr unterschiedlichen Beschwerden in meine Praxis, am häufigsten beobachte ich jedoch Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates. Dazu zählen vor allem Rücken- und Nackenschmerzen, Schulterprobleme sowie Beschwerden im Bereich der Hüfte, Knie oder Füße. Viele dieser Beschwerden entstehen durch Bewegungsmangel, einseitige Belastungen im Berufsalltag oder Fehlhaltungen. Ein weiterer Schwerpunkt sind Patientinnen und Patienten nach Verletzungen oder Operationen, etwa nach orthopädischen Eingriffen, die gezielt Unterstützung bei der Rehabilitation benötigen.

Gibt es typische Fehler im Alltag oder bei der Selbstmedikation, zum Beispiel im Umgang mit Schmerzmitteln, die Sie in Ihrer Praxis oft beobachten?
Zahlreiche Beschwerden entstehen durch alltägliche Gewohnheiten, etwa durch falsches Heben, langes Sitzen oder einseitige Bewegungsmuster. Viele Patientinnen und Patienten reagieren bei Schmerzen zudem mit Schonhaltung oder neigen zu Bewegungsmangel, was die Beschwerden oft zusätzlich verstärkt.
Gleichzeitig geht bei vielen Menschen die Selbstwahrnehmung für den eigenen Körper verloren. Schmerzen werden häufig mit Schmerzmitteln über längere Zeit überdeckt, statt als Warnsignal ernst genommen zu werden. Dadurch werden Symptome zwar kurzfristig gelindert, die zugrunde liegende Ursache bleibt jedoch häufig bestehen.

Wie läuft die erste Physiotherapiestunde für neue PatientInnen ab und was sollte man zu diesem Termin mitbringen?
In der ersten Physiotherapieeinheit kläre ich zunächst die Beschwerden und die Vorgeschichte der Patientin oder des Patienten. Danach erfolgt die Befundung von Beweglichkeit, Kraft, Haltung und Funktion. Darauf aufbauend besprechen wir gemeinsam die Therapieziele und erstellen einen individuellen Behandlungsplan.
Zum ersten Termin sollte Folgendes mitgebracht werden: ärztliche Verordnung, relevante Arztberichte und Befunde (Röntgenbilder, MRT etc.) sowie bequeme Kleidung.

Welche Hilfsmittel gehören – neben Ihren Händen – heute zum Repertoire einer Physiotherapeutin?
Ich arbeite mit einem aktiven Therapieansatz, bei dem die Patientinnen und Patienten durch gezielte Übungen ihre Beweglichkeit, Kraft und Körperwahrnehmung nachhaltig verbessern können. Dabei setze ich Materialien wie zum Beispiel Bälle, Widerstandsbänder oder Hanteln ein, um Übungen anzupassen und die Therapie abwechslungsreich zu gestalten.
Ergänzend kommen passive Therapieformen wie die Behandlung mit manuellen Techniken, Elektrotherapie, Ultraschalltherapie, Kinesiotaping oder Schröpfgläser zum Einsatz.
Welche Methoden ich dabei verwende, richtet sich immer nach dem Bedarf der Patientin oder des Patienten und wird entsprechend angepasst. Jede Therapeutin und jeder Therapeut gestaltet die Behandlung individuell und nach eigenem Schwerpunkt.

Tut Physiotherapie weh oder ist das eher ein Vorurteil?
Physiotherapie soll in der Regel keine Schmerzen verursachen. Manche Behandlungen können vorübergehend ein Druckgefühl oder leichtes Ziehen auslösen, zum Beispiel bei Dehnungen, Mobilisation oder gezielter Muskelarbeit. Schmerzen, die über das normale Maß hinausgehen, sollten immer kommuniziert werden, damit die Therapie angepasst werden kann. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Physiotherapie schmerzhaft sein muss. In Wirklichkeit zielt sie darauf ab, Beschwerden zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und die Selbstwahrnehmung des Körpers zu fördern.

Wie wichtig ist es für den Erfolg der Therapie, dass die PatientInnen auch zu Hause mitarbeiten?
In der modernen Physiotherapie ist die aktive Mitarbeit an sich und vor allem auch zu Hause für den Therapieerfolg oft entscheidend. Physiotherapieeinheiten allein sind meist zu kurz, um Beschwerden dauerhaft zu verändern. Übungen und Verhaltensänderungen, die Patientinnen und Patienten selbstständig umsetzen, unterstützen die Behandlung in der Praxis und helfen, Beweglichkeit, Kraft und Körperwahrnehmung nachhaltig zu verbessern. Ohne die regelmäßige Eigenarbeit bleibt der Therapieeffekt meistens begrenzt.

Was macht Ihnen persönlich an Ihrer Arbeit besonders Spaß?
Besonders viel Freude bereitet mir, Patientinnen und Patienten aktiv dabei zu begleiten, ihre Beschwerden zu lindern, und ihre Fortschritte zu sehen. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich: Ich betreue Menschen aller Altersgruppen – von Babys und Kindern über Sportlerinnen und Sportler bis hin zu älteren Patientinnen und Patienten – sowohl in der Praxis als auch bei Hausbesuchen. Ob orthopädische Beschwerden, Sportverletzungen, Beckenbodentraining oder Alltagstraining – es motiviert mich zu sehen, wie die Patientinnen und Patienten Schritt für Schritt an den Therapiezielen arbeiten und somit mehr Lebensqualität erzielen können. Jeder Fortschritt, egal wie klein, macht die Arbeit für mich besonders erfüllend.

Abschließend bitten wir um einen Tipp für Menschen, die ständig unter Verspannungen leiden.
Mein Tipp ist, regelmäßig auf den eigenen Körper zu achten und aktiv etwas zu tun. Neben passiven Techniken wie Massagen oder Wärmebehandlungen ist es umso wichtiger, durch gezielte Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen die Haltung nachhaltig zu verbessern und Verspannungen vorzubeugen. Gleichzeitig sollte man auf die Signale des Körpers hören und bei anhaltenden Beschwerden professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Info: Für eine Physiotherapie benötigen Sie eine Verordnung (Zuweisung). Ihre behandelnde Ärztin bzw. Ihr behandelnder Arzt stellt Ihnen diese aus.

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