Physiotherapeut Blind-Schleiche

Eine Blindschleiche (Anguis fragilis) kann bis zu einem halben Meter lang werden, besonders große Exemplare sogar noch etwas mehr. Sie jagt uns zwar manchmal einen Schrecken ein, ist bei Gartenbesitzern jedoch beliebt. Auf ihrem Speiseplan stehen nämlich vor allem Nacktschnecken. Früher war sie auch als Heilmittel gefragt, und insbesondere das Blindschleichenfett wurde geschätzt.

Die Blindschleiche gleitet lautlos durch das Gras und glänzt im Sonnenlicht wie eine kleine Schlange. Sie ist jedoch friedlich und zurückhaltend, weder giftig noch aggressiv. Und sie ist auch nicht blind, wie der Name vielleicht vermuten lässt. Ihr Name stammt vom althochdeutschen „plint“ und bedeutet „glänzend“. Und doch verband man mit der vermeintlichen Blindheit ein Heilversprechen: Man glaubte, das Tier könne Augenleiden lindern, da es selbst „blind“ heißt. Dieses Denken, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen, durchzieht die Geschichte der Heilkunde bis in die frühe Neuzeit. Schon die Naturkundigen des Mittelalters kannten die Blindschleiche, in Kräuterbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts taucht sie immer wieder auf. So beschrieb der Arzt und Botaniker Hieronymus Bock sie beispielsweise als „nützlich gegen Schmerzen in den Gelenken und der Lenden“. In Apotheken des 18. Jahrhunderts konnte man sogenannte „Anguinum-Salben“ kaufen: Dabei handelte es sich um Zubereitungen, die aus dem Fett der Blindschleiche gewonnen wurden. Sie galten als Mittel gegen Gicht, Hexenschuss und Gliederschmerzen. Oft wurden sie in kleinen Tiegeln angeboten, manchmal zusammen mit Bienenwachs oder Schweineschmalz, um den strengen Geruch zu mildern. Mancherorts wiederum kochte man die Tiere aus und vermischte den entstandenen Sud mit Wein, um ihn als Stärkungstrunk zu reichen.

Bildschleichen und Aberglaube

In alten Überlieferungen finden sich zahlreiche Geschichten, die medizinischen Aberglauben mit Symbolik verbinden. So sollte das Haus beispielsweise vor Krankheit geschützt sein, wenn eine Blindschleiche im Garten gefunden wurde. Wer die Schlange tötete, riskierte, dass die Milch im Stall versiegte oder die Kinder Fieber bekamen. Manche legten ein Stück ihrer Haut in die Nähe des Herdes, um böse Geister abzuwehren. In anderen Gegenden wiederum wurde die Blindschleiche gefürchtet, da sie an eine Schlange erinnerte. Erst im 19. Jahrhundert löste sich die wissenschaftliche Medizin von solchen Vorstellungen.

Heute leben Blindschleichen in Sicherheit

Mit dem Aufkommen der modernen Pharmakologie verschwanden tierische Heilmittel allmählich aus den Apotheken. Heute ist die Blindschleiche eine geschützte Art. Interessanterweise hat sie sich jedoch in der modernen Forschung einen Platz bewahrt: Biologen untersuchen ihre Fähigkeit, den verlorenen Schwanz neu zu bilden. Vielleicht wird diese Regenerationsfähigkeit eines Tages auch uns Menschen helfen, verlorene Ex­tremitäten wiederzuerlangen. Wenn Sie also eine Blindschleiche im Garten oder auf einer Wiese sehen, freuen Sie sich und denken Sie an die großen Gaben, die dieses Tier bereits für den Menschen geleistet hat und möglicherweise in Zukunft noch leisten wird.

 

Steckbrief
Wissenschaftlicher Name: Anguis fragilis
Länge: 30–45 cm
Lebensraum: feuchte Wiesen, Waldränder, Gärten
Futter: ernährt sich hauptsächlich von
Schnecken und Würmern
Volksglaube: Glücksbringer und Haus-
segen, durfte nicht getötet werden
Medizingeschichte: u. a. Fett als Salbe gegen Rheuma und Schmerzen
Schutzstatus: geschützt in ganz Europa
Symbolik: Heilung, Erneuerung,
Erdverbundenheit

Bild: KI/Apovital

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert