Nobelpreis für Physiologie oder Medizin: Der falsche Sieger?
Alles begann am 27. November 1895. Alfred Nobel, reich geworden durch die Erfindung des Dynamits, verfasste in Paris sein Testament. In diesem legte er fest, dass sein Vermögen nach seinem Ableben für Auszeichnungen in den Bereichen Physik, Chemie, Medizin oder Physiologie, Literatur und Frieden aufgewendet werden sollte. Die seit dem Jahr 1901 verliehenen Nobelpreise sind seither die höchste Auszeichnung in der wissenschaftlichen Welt. In diesem Jahr stellen wir Ihnen zehn Medizinnobelpreisträger vor. Den Anfang macht ein Preisträger, der seinen Titel eigentlich nicht verdient hat.
Folge 1: Der falsche Sieger?
Wir schreiben das Jahr 1926. Die medizinische Forschung konzentriert sich zunehmend auf eine Krankheit, die heute jährlich für den Tod von etwa 10 Millionen Menschen verantwortlich ist: Krebs. Zu jener Zeit war die Ursache der Erkrankung jedoch noch völlig unbekannt. Plötzlich brachte ein dänischer Forscher die Fachwelt ins Staunen – er schien die Ursache für Krebserkrankungen gefunden zu haben. Anfang des 20. Jahrhunderts begann Johannes Fibiger mit seinen Untersuchungen zur Entstehung von Krebs. Er nutzte dafür Ratten, die er in alten Lagerhäusern Kopenhagens gefangen hatte. In ihren Magenwänden fand er kleine Knötchen, verdickte Schleimhautstellen und ungewöhnliche Gewebeveränderungen, die er als Krebsgeschwüre interpretierte. Inmitten dieser Veränderungen entdeckte er einen kleinen Rundwurm, der damals als Spiroptera neoplastica bezeichnet wurde. Die Kombination aus Parasiten und Gewebewucherungen brachte ihn auf die Idee, dass ein Wurm möglicherweise Krebs auslösen könnte. Entschlossen, seine Theorie zu prüfen, entwickelte Fibiger eine Versuchsanordnung.
Der gedachte Krebsnachweis
Der von Fibiger untersuchte Rundwurm benötigte einen Zwischenwirt, um Ratten und Mäuse zu befallen. Als dieser dienten Küchenschaben. Um seine Hypothese zu testen, infizierte Fibiger Schaben mit dem Parasiten und verfütterte sie anschließend an Ratten und Mäuse. Nach mehreren Wochen zeigten die Tiere Veränderungen in der Magenwand. Fibiger fand erneut Knötchen, Verdickungen und unregelmäßiges Gewebe. Der Wissenschaftler war überglücklich, denn er sah sich am Ziel seiner Träume angelangt. Er glaubte, dass es sich bei diesen Veränderungen um Tumore handelte, die von den Parasiten hervorgerufen worden waren. Diese Schlussfolgerung erschien ihm überzeugend, da die Tiere die Veränderungen nur nach dem Verzehr von infizierten Schaben entwickelten. Die Schlagzeile, dass Krebs durch einen biologischen Erreger verursacht werde, schlug damals hohe Wellen und verbreitete sich wie ein Lauffeuer über den Globus.
Der Nobelpreis stand bereit
Zum damaligen Zeitpunkt galt Krebs als weitgehend unerklärliche Krankheit, darum erschien die Möglichkeit, ihn durch ein kontrollierbares Tiermodell künstlich hervorzurufen, bahnbrechend. Der Medizinnobelpreis 1926 konnte somit nur an den bis dahin relativ unbekannten Wissenschaftler Johannes Andreas Grib Fibiger gehen. Das Komitee lobte Fibiger dafür, dass es ihm gelungen sei, „Krebs auf experimentellem Wege hervorzurufen“. Mit Lobeshymnen überhäuft, genoss der dänische Wissenschaftler den Ruhm bis zu seinem Tod. Fibiger starb am 30. Januar 1928 als angesehener Mediziner.
Der größte Irrtum in der Geschichte des Medizinnobelpreises?
Bereits kurz nach der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse begannen andere Wissenschaftler, an Fibigers Entdeckung zu zweifeln; es sollte jedoch einige Jahre dauern, bis seine These endgültig widerlegt war. Einige Wissenschaftler stützten sich sogar noch in den 1950er-Jahren auf Fibigers Erkenntnisse. Heute wissen wir: Der Däne hat sich geirrt! Die Veränderungen in der Magenwand der Tiere waren keine Tumore, sondern Hyperplasien und entzündliche Reaktionen. Diese traten vor allem dann auf, wenn die Versuchstiere unter Vitamin-A-Mangel litten. Der Parasit war also nicht für die Wucherungen verantwortlich und spielte auch keine Rolle bei der Entstehung von Krebs. Inzwischen ist bekannt, dass bei der Erkrankung durch Krebs normale Zellen im Körper mutieren und zu Tumorzellen werden, die sich unkontrolliert vermehren und in gesundes Gewebe einwachsen. Erst im Jahr 2004 arbeitete das Karolinska-Institut, das den Medizinnobelpreis vergibt, diese Fehlentscheidung auf. Dennoch bleibt Fibiger weiterhin offizieller Nobelpreisträger. Dass der wissenschaftliche Fortschritt mit den Jahren zu neuen Erkenntnissen führt, ist ein natürlicher Teil des Wissensprozesses. Eine solche Fehlinterpretation ist jedoch ein einmaliger Fall in der 125-jährigen Geschichte des Medizinnobelpreises.
Johannes Andreas Grib Fibiger
(* 23. April 1867 in Silkeborg in Jütland, Dänemark; † 30. Januar 1928 in
Kopenhagen) war ein dänischer Pathologe, Parasitologe und Bakteriologe.