Nobelpreis für Physiologie oder Medizin
Die Nobelpreise für Medizin oder Physiologie sind wohl das größte Zeichen der Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt. Dieses Jahr stellen wir Ihnen 10 Medizinnobelpreisträger vor. Der sechste Teil unserer Serie behandelt die Entdeckung jenes Proteins, welches das Wachstum von Nerven steuert.
Folge 6: Rita Levi-Montalcini und der Nervenwachstumsfaktor
Als ihr Kindermädchen Giovanna unheilbar an Magenkrebs erkrankte, beschloss die damals 19-jährige Rita Levi, Medizin zu studieren. Mit hervorragenden Leistungen beendete sie das Studium 1936 in Turin; ihrem weiteren Karriereweg wurden jedoch durch das faschistische Regime von Benito Mussolini Steine in den Weg gelegt. Antisemitische Gesetze verhinderten, dass die Jüdin weiterhin an der Universität arbeiten und forschen durfte. Doch Rita Levi gab nicht auf; sie richtete sich heimlich ein kleines Labor in ihrer Wohnung ein und untersuchte mithilfe einfacher Instrumente und Hühnerembryonen die Entwicklung von Nervenzellen. Während Europa im Krieg versank, arbeitete sie unter primitiven Bedingungen an einer der zentralen medizinischen Fragen: „Wie wachsen Nervenzellen eigentlich?“
Der Nervenwachstumsfaktor wird entdeckt
Bei ihren Experimenten machte sie eine bemerkenswerte Beobachtung: Demnach schienen Nervenzellen nicht zufällig zu wachsen, sondern auf chemische Signale aus ihrer Umgebung zu reagieren. Diese Idee widersprach den damaligen Vorstellungen über das Nervensystem, das lange Zeit als weitgehend starr galt. Nach dem Krieg erhielt Levi-Montalcini die Möglichkeit, ihre Forschungen in den USA fortzusetzen, und so arbeitete sie dort mit dem Biochemiker Stanley Cohen zusammen. Gemeinsam gelang es ihnen schließlich, einen Stoff zu isolieren, der das Wachstum bestimmter Nervenzellen steuert. Sie nannten ihn „Nervenwachstumsfaktor“ (Nerve Growth Factor, kurz NGF).
Können nun sogar Alzheimer und Parkinson geheilt werden?
Die Entdeckung der Wissenschaftler sorgte international für Aufsehen. Erstmals wurde deutlich, dass Nervenzellen durch spezifische biochemische Faktoren beeinflusst werden können. Viele Forscherinnen und Forscher betrachteten dies als den Beginn einer neuen Ära der Medizin. Wenn Nervenzellen durch den NGF wachsen und überleben, sahen Expertinnen und Experten sogar die Chance, Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Nervenschäden erfolgreich zu behandeln. Insbesondere in den 1980er- und 1990er-Jahren galt der NGF als großer Hoffnungsträger in der modernen Neurologie. Folglich gab es große Zustimmung, als Rita Levi-Montalcini 1986 den Nobelpreis erhielt.
Es folgten einige Rückschläge
Zwar bestätigte sich die grundlegende Bedeutung des Nervenwachstumsfaktors immer wieder, der tatsächlich eine zentrale Rolle für die Entwicklung und das Überleben bestimmter Nervenzellen spielt. Die erhofften therapeutischen Durchbrüche blieben jedoch aus. Das Molekül gelangt nur schwer ins Gehirn, verursacht Nebenwirkungen und lässt sich medizinisch weit schwieriger einsetzen, als man ursprünglich erhofft hatte. Gleichzeitig erkannten Forscher, dass Krankheiten wie Alzheimer viel komplexer sind als angenommen. Wenngleich sich nicht alle Hoffnungen auf die Heilung zahlreicher Krankheiten erfüllt haben, bleibt die Forschungsarbeit von Rita Levi-Montalcini ein großer Gewinn für die Welt der Medizin. Sie selbst blieb bis ins hohe Alter eine öffentliche Stimme der Wissenschaft und arbeitete noch mit über hundert Jahren wissenschaftlich weiter. Ein großer Dank an diese beeindruckende Medizinerin, die trotz eines beschwerlichen Lebens die Welt der Medizin nachhaltig beeinflusst hat.
Steckbrief
Rita Levi-Montalcini (* 22. April 1909, Turin;
† 30. Dezember 2012, Rom)
Italienische Neurobiologin und Nobelpreisträgerin (1986)
Entdeckte den Nervenwachstumsfaktor (NGF), einen Schlüssel für das Verständnis des Gehirns
Forschte während des Zweiten Weltkriegs heimlich in einem Labor im Schlafzimmer