Nobelpreis für Physiologie oder Medizin (Santiago Felipe Ramón y Cajal)
Die Nobelpreise sind die wohl höchste Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt. In dieser Serie stellen wir Ihnen zehn außergewöhnliche Gewinnerinnen und Gewinner des Medizinnobelpreises vor. Im zweiten Teil unserer Serie geht es um einen Arzt mit einer künstlerischen Ader.
Folge 2: Der Mann, der Nerven sichtbar machte
Santiago Felipe Ramón y Cajal (1852–1934), der im Jahr 1906 den Nobelpreis für Medizin erhielt, wollte ursprünglich Künstler werden – doch sein Vater hatte andere Pläne für seinen Sohn. Der rebellische Junge aus Petilla de Aragón sollte Arzt werden, so der Wunsch des Familienoberhaupts Justo Ramón Casasús. Und wie es vor über hundert Jahren üblich war, trat Santiago Ramón y Cajal in die Fußstapfen seines Vaters. Neben seiner Karriere als Arzt interessierte sich der Mediziner jedoch weiterhin intensiv für Zeichnen, Malerei und Fotografie. Diese Eigenschaften sollten ihn schließlich zu einem der bekanntesten Nobelpreisträger aller Zeiten machen.
Die Golgi-Färbung
Für den durchschlagenden Erfolg des Spaniers war die Erfindung des Italieners Camillo Golgi (1843–1926) wesentlich, mit dem er sich schließlich den Nobelpreis teilte. Dieser entdeckte bzw. entwickelte die nach ihm benannte Golgi-Färbung. Golgi selbst bezeichnete sie als „reazione nera“ (schwarze Reaktion). Mithilfe dieser Methode war es erstmals möglich, die feine Struktur des Nervengewebes sichtbar zu machen. Das Verfahren beruht auf der Behandlung von Nervengewebe mit
Kaliumdichromat und anschließend mit Silbernitrat. Dabei lagern sich Silberchromat-Kristalle in den einzelnen Nervenzellen ab, die dann unter dem Mikroskop sichtbar werden. Ohne die Golgi-Färbung waren Nervenzellen lediglich als dichtes Geflecht erkennbar. Erst durch diese Methode konnte Santiago Ramón y Cajal zeigen, dass das Gehirn aus einzelnen, voneinander getrennten Zellen besteht. Kurioserweise widersprachen sich somit die beiden Gewinner desselben Nobelpreises, denn Golgi hatte mit seinem Versuch eigentlich das genaue Gegenteil beweisen wollen. Auch wenn die beiden Wissenschaftler massiv voneinander profitierten, entstand eine Rivalität zwischen ihnen.
Eine Revolution der Neurowissenschaft
Erst die isolierte Sichtbarkeit einzelner Neuronen ermöglichte es, den Aufbau, die Verschaltung und die Funktionsweise des Nervensystems zu verstehen. Damit wurde die Grundlage der modernen Neurowissenschaft gelegt. Bis heute beruhen auf diesem Wissen das Verständnis und die Behandlung zahlreicher Erkrankungen, darunter Alzheimer, Parkinson, Epilepsie sowie Schlaganfälle. Auch das Verständnis von Multipler Sklerose als Erkrankung der Axone und Nervenleitbahnen, von Depressionen sowie von Rückenmarks- und Nervenverletzungen mit ihrer begrenzten Regenerationsfähigkeit basiert auf diesen neurobiologischen Erkenntnissen. Zwar behandelte Cajal keine dieser Krankheiten selbst, doch seine Entdeckung war für die Forschung und Behandlung von unschätzbarem Wert.
Ein medizinisches Meisterwerk
Von Bedeutung war nicht nur die Erkenntnis, dass das Gehirn aus voneinander getrennten Zellen besteht, sondern ebenso die Tatsache, dass der Spanier durch seine faszinierenden Darstellungen der Zellen weltweite Anerkennung erlangte. Diese zeichnen sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Genauigkeit und große zeichnerische Präzision aus. Zur Zeit Cajals war die Mikrofotografie noch nicht so weit fortgeschritten, um die feinen Strukturen von Nervenzellen zuverlässig abzubilden. Daher waren Zeichnungen die wichtigste Form der Dokumentation. Cajal war in der Lage, einzelne Nervenzellen vollständig und klar darzustellen, ohne dass sich ihre Fortsätze überlagerten. Seine Zeichnungen dienten nicht nur der Illustration, sondern auch als zentrale Belege für seine wissenschaftlichen Thesen, die später durch moderne Methoden bestätigt wurden. Ohne seine künstlerische Begabung hätte Santiago Ramón y Cajal womöglich den Nobelpreis 1906 nicht erhalten, und die Behandlung vieler Krankheiten wäre nicht auf dem heutigen Stand.

Santiago Felipe Ramón y Cajal,
geboren am 1. Mai 1852 in Petilla de Aragón, Spanien, verstorben am
17. Oktober 1934 in Madrid, Spanien, war ein Neurowissenschaftler.