Medizinalrat Dr. Schneckerl

Die Weinbergschnecke ist sowohl als Spezialität der gehobenen Küche wie auch als unliebsamer Gast im Garten bekannt. Den schönen Damen und Herren ist zumindest der Schleim der Schnecke ein Begriff, denn manche Schönheitsprodukte setzen auf diesen tierischen Inhaltsstoff. Dass die Weinbergschnecke früher sogar in vielen Apotheken „heimisch“ war, ist hingegen weniger bekannt. Diese Wissenslücke möchten wir mit dem
folgenden Artikel schließen.

Heutzutage ist es kaum noch vorstellbar, doch vor gar nicht allzu langer Zeit lebten in vielen Apotheken quietschfidele Weinbergschnecken. Sie wurden in gut belüfteten Tongefäßen an einem kühlen und schattigen Ort, beispielsweise im Keller, gehalten. Mit Moos und Pflanzen gefüttert, warteten sie geduldig auf ihren Einsatz zum Wohle der Gesundheit. Manche Apotheken führten die Weinbergschnecke sogar noch bis weit ins 19. Jahrhundert als offizielle Arznei. Sie zählten zu den sogenannten „animalischen Drogen“, also Stoffen tierischen Ursprungs, die in der pharmazeutischen Praxis Verwendung fanden. Bei vielen Kundinnen und Kunden erfreuten sich die Produkte aus den Schnecken großer Beliebtheit.

Mit Schneckenschleim Husten lindern

Das hauptsächliche medizinische Anwendungsgebiet der Weinbergschnecke war die Behandlung von Husten. In den meisten Fällen mussten die Tiere bei der Gewinnung des Hustensaftes allerdings ihr Leben lassen. Sie wurden gewaschen, in Tüchern zerdrückt und anschließend mit Zucker, Honig, Milch oder Wein vermischt. Aus heutiger Sicht erscheint diese Methode grausam, doch sie war in der damaligen Medizin gängige Praxis. Die gewonnene Flüssigkeit wurde filtriert und löffelweise eingenommen. Schneckensaft galt insbesondere bei trockenem Reizhusten als beruhigend und schleimlösend. In manchen Apotheken war der Saft ständig lagernd, andere bereiteten ihn auf Kundenwunsch frisch zu. Pharmazeuten jener Zeit waren daher im Umgang mit der Weinbergschnecke geübt. Bei manchen Apothekerinnen und Apothekern oder auch in der Hausmedizin kamen die Schnecken übrigens mit dem Leben davon: Denn anstatt sie zu töten, reizte man sie z. B. mit etwas Salz oder Essig, um sie dazu zu bringen, Schleim auszuscheiden. Nach dem Ausschleimen überlebten sie zwar, jedoch belastete diese Art der Behandlung ihre Gesundheit massiv.

Schnecken heilen Wunden

Weinbergschnecken wurden aber nicht nur gegen Husten eingesetzt. In vielen Fällen entnahm man die Schnecken ihren „Käfigen“ und ließ sie über kleine Wunden, Abschürfungen und Hautrisse kriechen, um die Heilung zu fördern. Dabei wurde beobachtet, dass der Schleim die Haut weich hielt, sie vor Austrocknung schützte, Reizungen linderte und die Wundheilung beschleunigte. Der Grund dafür ist heute bekannt: Schleim enthält unter anderem Allantoin, natürliche Glykoproteine und Hyaluronsäure. Diese Stoffe werden auch heute in modernen Wund- und Hautpflegeprodukten verwendet. In diversen Aufzeichnungen vergangener Tage findet sich außerdem der Hinweis, dass Schneckenschleim gegen Augenentzündungen helfen soll. Angeblich reichte ein Tropfen davon direkt ins Auge, um die Entzündung zu lindern. Bitte auf keinen Fall ausprobieren !

Heutzutage gibt es diverse Cremes und Schönheitsprodukte, die die positiven Eigenschaften des Schleims der Weinbergschnecke nutzen. Wahrscheinlich ist Schneckenschleim ebenso in dem ein oder anderen Hausmittel enthalten. In medizinischer Hinsicht hat unser hochverehrter Medizinalrat Dr. Schneckerl im Jahr 2025 allerdings ausgedient. Denn zum Glück muss für medizinische Zwecke keine Weinbergschnecke mehr ihr Schneckenhaus abgeben.

 

Steckbrief Weinbergschnecke

Wissenschaftl. Name: Weinbergschnecke (Helix pomatia)
Familie: Schnirkelschnecken
Größe: bis zu 10 cm lang, mit kalkhaltigem Gehäuse
Ernährung: weiche Blätter, Kräuter, Gemüse
Lebenserwartung: wild lebend bis zu 8 Jahre, im Terrarium 20 Jahre
Tempo: circa 3 Meter pro Stunde (0,003 km/h)
Vorkommen: Mitteleuropa, bevorzugt in feuchten Gärten,
Wäldern und Weinbergen
Besonderheit: produziert schützenden Schleim,
der Husten lindert und die Haut regeneriert

 

Bild: KI generiert/ Apovital kreativ

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert