Burundanga – des Teufels Atem (Devil’s Breath)
Aus dem Apothekenmuseum Mauthausen
Kommissar Frank Thiel aus der Reihe „Tatort“ ist psychisch am Boden. Er wird verdächtigt, einen Menschen erschossen zu haben, kann sich aber an das Geschehen nicht erinnern. Verzweifelt versucht er selbst, die Ereignisse zu rekonstruieren und seine Unschuld zu beweisen. Sein Vater, der mit Drogen reichlich Erfahrungen gemacht hat und sozusagen Experte ist, kann durch Videoaufnahmen aufgrund des Verhaltens von Thiel auf die Ursache des Gedächtnisverlustes schließen: Scopolamin – „des Teufels Atem“.
Schauplatz Paris: Mehrere Mitglieder einer Bande werden festgenommen. Es ist ihnen gelungen, wohlhabend aussehende Personen auf der Straße mithilfe einer Droge zur freiwilligen Herausgabe von Geld und Wertsachen zu bewegen. Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich kaum feststellen. Kann das alles wahr sein? Ja, kann es, denn schon die Ureinwohner Südamerikas verabreichten den Frauen gestorbener Anführer oder gefallener Krieger Teile der Engelstrompete, damit sie sich freiwillig lebendig neben ihrem toten Ehemann begraben ließen.
Bei der besagten Substanz handelt es sich um eine natürliche chemische Verbindung namens „Scopolamin“, benannt nach dem italienischen Arzt Giovanni Antonio Scopoli (1723–1788). Sie gehört zur Gruppe der Alkaloide, von denen die Chemiker schon etwa 20.000 gefunden haben. In Pflanzen dienen sie der Abwehr von Fressfeinden und sind dementsprechend giftig. Einige Namen sind allgemein bekannt: Koffein, Nikotin, Theobromin (in Schokolade, für Hunde lebensgefährlich), Kokain, Atropin (aus der Tollkirsche, „Atropos“ war der Name der griechischen Göttin, die den Lebensfaden abschneidet), Morphin (in Opium, Morpheus war der Name des griechischen Gottes des Traumes) u. v. m. Medizinisch wird Scopolamin in der Augenheilkunde als Augentropfen zur Pupillenerweiterung (Boro-Scopol®), gegen Reisekrankheit oder bei Krampfzuständen des Darmtraktes (Buscopan) sowie zur Narkosevorbereitung in geringer Dosierung eingesetzt.
Da das Alkaloid Scopolamin schnell vom Verdauungstrakt aufgenommen wird, verabreicht man es den Opfern bevorzugt über Süßigkeiten, Schokolade, Getränke und Erfrischungen, Kaffee oder Schnaps. Die kriminelle Anwendung zielt hauptsächlich darauf ab, den Willen des Opfers zu lähmen, mit dem zusätzlichen „Vorteil“, dass sich das Opfer an nichts erinnert, sobald die Wirkung nachlässt. Scopolamin wirkt auch über die Atemwege – den Opfern wird das Pulver ins Gesicht geblasen (= „Devil’s Breath“) oder sie atmen es mittels Zigaretten ein – ebenso wie durch direkten Hautkontakt, wenn z. B. Gegenstände angefasst werden, die mit diesem Alkaloid eingerieben wurden. Devil’s Breath gilt derzeit als eine der schlimmsten Drogen der Welt! Die Opfer bleiben wach und erscheinen normal und ungetrübt; auch Sprechen verrät die Wirkung von Devil’s Breath nicht. Eine Überdosierung kann allerdings tödlich sein.
Die Droge bzw. ihr Wirkstoff Scopolamin kommt in Nachtschattengewächsen wie Stechapfel, Bilsenkraut, Alraune und insbesondere in Engelstrompeten (Brugmansia) vor, lässt sich aber auch künstlich herstellen. Die Engelstrompete wächst überall im nördlichen Südamerika, vor allem in Kolumbien, Ecuador und Venezuela. Sie wird dort „Burundanga“ genannt. Touristen werden vor dem Besuch dieser Länder eindringlich auf die Gefahren aufmerksam gemacht.
In den 1940er- bis 1950er-Jahren wurde Scopolamin von Polizei und Geheimdiensten in Befragungen als „Wahrheitsdroge“ eingesetzt. Ein Beispiel findet sich im Kriegsfilm „Die Kanonen von Navarone“ (1961), in dem ein englischer Gefangener auf diese Weise zum Reden gebracht werden soll. Allerdings erfanden die unter Drogen gesetzten Personen aufgrund der dadurch herbeigeführten Gleichgültigkeit auch allerhand Unwahres und Phantasiertes, was schließlich zum Ende ihrer Verwendung bei Verhören führte.
Bis zur Einführung der Neuroleptika (Bekämpfung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen) wurde Scopolamin gemeinsam mit morphinbasierten Präparaten erfolgreich zur Beruhigung hocherregter, geistig kranker Menschen verwendet. Im Jahr 1900 wurde die Morphin-Scopolamin-Narkose eingeführt. Bei Parabelflügen (Simulation der Schwerelosigkeit mittels Flugzeug) wird Scopolamin zusammen mit Koffein verabreicht, um den Verdauungstrakt zu beruhigen – vielen Teilnehmern wird beim ersten Mal nämlich ziemlich schlecht. Wer’s nicht glaubt, für den gibt es weitere Infos unter: https://www.doccheck.com/de/detail/articles/37250-scopolamin-im-tatort-die-trance-des-herrn-thiel
Info:
Bei einer Führung durch das Apothekenmuseum Mauthausen können Sie neben allgemeiner Apothekengeschichte weitere erstaunliche und spannende Geschichten erfahren.
Das Apothekenmuseum Mauthausen befindet sich im Schloss Pragstein, direkt an der Donau und der B3. Wir haben von Anfang Mai bis Ende Oktober an Sonntagen von 14 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Führungen (Dauer ca. 1,5 Std., wir richten uns aber auch gerne nach Ihren Wünschen) können auch gerne außerhalb der Öffnungszeiten gebucht werden. Sie erreichen uns per E-Mail unter apotheken.museum@gmx.at